Wie sich deine Stimmung auf deine Haltung auswirkt

Die Haltung ist ein, meiner Meinung nach, viel zu unterschätztes Thema. Denn die Folgen einer dauerhaft schlechten Haltung können gravierend sein und das eigene Leben einschränken. Es kann zu Rückenschmerzen oder Schulter-Nackenverspannungen führen. Wer viele Jahre damit rumläuft, läuft Gefahr Bandscheibenvorfälle zu provozieren.

In der Physio-Ausbildung lernt man zahlreiche Übungen, die die Muskulatur im Rücken oder der Schultern kräftigen sollen, wodurch die Wirbelsäule in eine aufrechte Position gebracht wird. Es gibt Kräftigungsübungen, bestimmte Sportarten oder angeleitetes Training im Fitnessstudio um den gewünschten geraden Rücken zu bekommen. Sicherlich spielt Muskulatur ein wichtige Rolle und bei Menschen mit Haltungsproblemen ist fast immer eine schwache Muskulatur zu finden. Aber ich konnte mich nie so richtig damit anfreunden, dass einfach nur die schwache Muskulatur die Ursache dafür sein soll. Warum haben manche diese Schwäche schon als Kind und andere nicht? Was steckt wirklich dahinter? Und warum bringt bei vielen selbst die beste Übung nicht den erwünschten Erfolg? 

Mich hat das Thema nicht in Ruhe gelassen, aber ich wusste nicht so richtig weiter. Und Haltung ist ein Thema, dass mich selbst betrifft. Meine Haltung ist nicht gerade so, wie man es sich von einer vorbildhaften Physiotherapeutin vorstellt. Ich stehe und sitze wie ein Schluck Wasser in der Kurve. Ich hab noch den Satz meiner Mutter im Ohr: „Kind, steh nicht so krumm da!“ oder „Sitz gerade!“ Mich begleitet das Thema also schon eine ganze Weile.

Und auch du wärst wahrscheinlich nicht hier, wenn du vollkommen zufrieden mit deiner Haltung wärst

 

Achte mal auf deine Haltung. Nimm dich selbst wahr und überlege dir wie deine Haltung ist. Betrachte dich vielleicht auch mal genau im Spiegel, von allen Seiten. Oder lass dich von einer Freundin/einem Freund anschauen, der dir dann mitteilt, was ihm auffällt. Und da darf dieser gute Freund auch ruhig mal richtig ehrlich sein. Hier geht es nicht darum Dinge schön zu reden. Egal ob du dich selbst betrachtest oder jemanden bittest, das zu tun. Sei ehrlich mit dir selbst, aber bleib trotzdem sanft dabei. Geh nicht zu hart mit dir ins Gericht. 

Es geht um eine Bestandsaufnahme und da darf erstmal alles genau so sein, wie es ist. Alles darf sein, es gibt kein richtig oder falsch. Bewerte nicht, was dir oder deinem Freund auffällt. Notiere es vielleicht, damit du es nicht wieder vergisst. Aber denk dabei immer daran, es wertfrei zu betrachten und einfach nur wahrzunehmen.

 

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Worauf schaue ich, wenn ich die Haltung betrachte

 

Die Haltung von Menschen zu betrachten gehört zu meinen täglichen Aufgaben als Physiotherapeutin. Es ist sogar so ziemlich das allererste, was ich tue, wenn jemand zu mir kommt. Haltung sagt ungemein viel über eine Person und seine Persönlichkeit aus. Sie ist ein Spiegel deines Inneren, deiner Stimmung, deiner Motivation, deiner Aufrichtigkeit und deiner Einstellung. Nicht umsonst hat das Wort Haltung im Deutschen zwei Bedeutungen. Zum einen die Haltung des Körpers, die gut von außen sichtbar ist. Gerade oder krumm. Aufrecht oder gewunden. Und zum anderen hat jeder eine innere Haltung den Dingen gegenüber. Wie sehe ich die Dinge? Wie ist meine Einstellung zum Leben? Und genau diese innere Haltung spiegelt deine Körperhaltung wieder. Die Beiden sind unzertrennlich miteinander verbunden. Deshalb zählt Haltung auch ganz stark zu dem Bereich Körpersprache.

 

Wenn du dich und deine Haltung betrachtest, achte auf deinen gesamten Körper, von den Füßen bis zum Scheitel und überlege dir, was auffällig ist.

 

Gehst du aufrecht? Ist deine Wirbelsäule gerade oder stehst du häufig krumm da? Hängen deine Schultern nach vorne? Vielleicht hat dir sogar jemand schonmal gesagt, dass du krumm stehst.

Wie steht dein Becken? Fällt es nach vorne und es bildet sich ein Hohlkreuz, wenn du stehst? Oder ziehst du unbewusst den Bauch ein und kippst dein Becken dadurch nach hinten?

Fällt es dir schwer dich aufzurichten? Ist dein Kopf vorgeschoben?

Und wie ist es im Sitzen? Sitzt du krumm da? Ist es anstrengend für dich gerade zu sitzen und die Schultern nach hinten zu nehmen? Hast du die Beine immer übereinander geschlagen? Sitzt du vermehrt auf einer Seite?

Sind deine Füße, dein Becken, deine Schultern und dein Kopf übereinander eingeordnet? Also in einer Linie?

 

Eine einfache Übung, um zu überprüfen ob deine Körperabschnitte übereinander eingeordnet sind, ist, sich mit dem Rücken an eine gerade Wand zu stellen. Jetzt spüre, wo dein Körper diese Wand berührt. Po, Schultern und Hinterkopf berühren im Idealfall diese Wand. Wenn das bei dir nicht so ist, ist es ein Anhaltspunkt, welcher Körperbereich nicht senkrecht eingeordnet ist.

 

Jeder Körper ist anders

 

Aber bitte tu dir selbst ein Gefallen und sei nicht allzu kritisch mit dir. Denn die eine perfekte Haltung gibt es gar nicht. Perfektion in dem Sinne gibt es nicht. Dein Körper ist immer das Resultat deines Lebens, deiner Gedanken, Gefühle und deiner Taten. Die Form deines Körper folgt der Funktion, also dem, wofür du ihn einsetzt und wofür du dich einsetzt.

Um das zu verdeutlichen, möchte ich eine kurze Geschichte erzählen. Ich kann mich noch wage an die Folgen von Asterix und Obelix erinnern. Da gab es eine Folge, wo die Beiden in der Antike unterwegs sind und den ersten Olympioniken begegnen. Unter ihnen war ein herausragender Speerwerfen. Er war der Beste der Welt und Obelix musste gegen ihn antreten. Interessanter Weise hatte dieser Speerwerfer einen wahnsinnig dicken Arm. Der andere Arm war normal, fast sogar etwas dünn. Für mich war das damals schon total logisch. Klar, wenn dieser Speerwerfer immer nur den einen Arm benutzt, um den Speer so weit wie möglich zu werfen, dann macht es Sinn, dass dieser Arm viel dicker ist, als der andere. Obelix hat aber trotzdem gewonnen.

Was ich damit deutlich machen will, ist, dass unser Körper wahnsinnig anpassungsfähig ist. Je mehr wir ihn oder nur bestimmt Teile von ihm benutzen und fördern, desto mehr entwickelt er sich dahin. Auch unsere Gefühle und Stimmungen haben starken Einfluss auf unseren Körper. Fühlen wir uns groß, stark, energiegeladen und sind gut drauf, machen wir uns auch groß, nehmen Raum ein und werden gesehen. Fühlen wir uns dagegen klein und hilflos, deprimiert, allein und wollen uns am liebsten verstecken oder im Boden versinken, dann macht sich auch unser Körper klein und krumm. Es hängt ganz stark von dir ab, von deinem Bewusstsein und einer Persönlichkeit.

 

In der Haltung des Körpers verrät sich der Zustand des Geistes. Durch die Körperbewegung spricht gleichsam des Geistes Stimme.

Ambrosius (um 340-397)

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Die innere Haltung ist der Schlüssel zu einer gesunden, aufrechten Körperhaltung

 

Eine gerade und aufrechte Haltung kann man nicht erzwingen. Man kann sich mit Training dahingehend verbessern und die Muskeln, die unsere Wirbelsäule aufrichten, kräftigen. Das ist auch absolut sinnvoll, aber sei dir bewusst, dass du trotz allem immer wieder in dein ursprüngliches Muster zurück fallen wirst, solange du nicht anfängst, auch an deiner inneren Haltung zu arbeiten. Und in deinem Seelenleben aufzuräumen.

Welche Last trägst du auf deinen Schultern? Wovor hast du Angst und möchtest dich am liebsten klein und unsichtbar machen? Womit an deinem Körper bist du unzufrieden, wofür schämst du dich vielleicht und möchtest es nicht zeigen? Kannst du DU selbst sein oder versuchst du dich zu verbiegen um es anderen recht zu machen? Worüber bist du deprimiert und lässt den Kopf hängen?

All diese negativen Gedanken und Gefühl werden durch deinen Körper und seine Haltung ausgedrückt. Da gibt es einen schönen Spruch unter Psychologen, den mir eine Freundin mal erzählt hat:

„Wenn du so richtig viel von deiner Depression haben möchtest, dann lass den Kopf und die Schultern ordentlich hängen und verkrieche dich schön in eine dunkle einsame Ecke.“

 

Andersherum sind positive Gedanken, Freude und glücklich sein der Schlüssel zu einer aufrechten und gesunden Körperhaltung. Positive Gefühle lassen den Körper groß werden, wir heben automatisch das Brustbein an und möchten der Welt zeigen, dass wir da sind.

Und auch du darfst dir erlauben, einfach nur da zu sein. Ohne Forderungen, ohne Erwartungen an dich selbst. Einfach nur da sein, das reicht schon. Du kannst bewusst üben, dein Brustbein immer wieder anzuheben und dich somit in der Welt zu zeigen. Es wird deine Ausstrahlung verändern und die Menschen werden positiv auf dich reagieren und dich sehen. Lass es zu, gesehen zu werden. Du wirst merken, es passiert nichts schlimmes. Es fühlt sich sogar gut an.

Probier es aus!

 

Ohne Halt keine Haltung

 

In dem Wort Haltung steckt auch noch etwas drin, das ganz eng damit verbunden ist: der Halt.

Mir begegneten in meiner Arbeit immer wieder Menschen, die nicht so richtig Halt im Leben haben. Die keinen festen Boden unter den Füßen haben, im übertragenden Sinne gemeint. Die sich überfordert fühlen von Leben. Oder hilflos allen Umständen ausgeliefert sind.

 

Wie schon gesagt, drückt deine Haltung das aus, was bei dir in deinem Leben los ist. Vielleicht ist es dir gar nicht bewusst oder du willst es nicht wahrhaben, aber dein Körper und deine Haltung lügen nicht. Sie bringen Dinge ans Tageslicht, die tief in dir vergraben sind.

Manchmal ist es gar nicht schön, dahin zu schauen. Manchmal tut es weh, sich bewusst zu machen, warum deine Haltung nicht so ist, wie du es dir wünscht. Oder wie es deinem Körper gut tun würde. Es gibt sicher einen Grund, warum diese Dinge tief vergaben sind. Aber jeder, wirklich jeder kennt das. Ich kenne das sehr gut und mir ist keiner begegnet, der nichts in seinem Keller zu verbergen hat. Und das ist ja auch gar nichts schlimmes. Wie gesagt jeder kennt das, keiner kann sich davon frei sprechen. Also kein Grund sich dafür schlecht zu fühlen.

Vielmehr kannst du es als Chance sehen, daraus zu wachsen. Und gleichzeitig deine Haltung zu verbessern. Schau dir die Dinge an, die dich runter ziehen. Die deine Wirbelsäule dazu bringen, sich zu krümmen. Mach dir bewusst, was dort tief vergraben ist. Höre hin, denn dein Körper spricht zu dir und möchte dir damit helfen!

 

Wie ist deine Haltung? Und welche Gefühle sind damit verbunden? Teile deine Erfahrung mit mir in den Kommentaren.

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